Pressespiegel Dill-Zeitung 14.12.2020

Mehr als ein Dach über dem Kopf

Wenn Obdachlosigkeit droht und es an der praktischen Lebenstauglichkeit fehlt, wird es eng. In Eibelshausen hilft der Verein Projekt jungen Menschen in dieser Notlage.

Von Frank Rademacher Redakteur Dillenburg

Dietmar Weber und Karin Ziegler (r.) vom Verein Projekt in Eibelshausen freuen sich über die 5000-Euro-Spende des Unternehmens Dynamit Nobel Defence, die ihnen Personalleiterin Anja Neuhaus überreicht. Foto: Frank Rademacher

ESCHENBURG-EIBELSHAUSEN – Obdachlosigkeit, das ist für viele ein Problem, das in die Städte gehört. Dort aber wird ein fehlendes Dach über dem Kopf lediglich offensichtlich. Das aber fehlt immer wieder auch auf dem Lande. Seit rund zehn Jahren versucht der Verein Projekt, junge Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind, zu unterstützen.

Möglich ist das vor allem, weil die Katholische Kirche die Bemühungen des Vereins unterstützt, indem sie die ehemalige Priesterwohnung gegenüber ihrer Kindertagesstätte in Eibelshausen zur Verfügung stellt. Dort, wo zuletzt der Pfarrer wohnte, gibt es seither zwei Zimmer und zwei kleine Apartments zu einem günstigen Mietpreis.

Geduld auf dem Weg
in die Selbstständigkeit

Je zwei junge Frauen und zwei junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren können im Wohnprojekt des Vereins unterkommen, bis sie eine andere eigene Wohnung gefunden haben. Was nicht so einfach ist, „denn eine kleine, bezahlbare Wohnung zu bekommen, ist sehr schwierig“, sagt Karin Ziegler, seit einem Jahr Vorsitzende des Vereins.

Zur drohenden Obdachlosigkeit komme häufig noch ein zweites Problem: Es fehlt die ganz praktische Lebenstauglichkeit. „Die jungen Leute haben keine Ahnung von Versicherungen, Steuerangelegenheiten, und ihnen fehlt die Erfahrung mit Bankgeschäften“, berichtet Dietmar Weber, stellvertretender Vorsitzender von Projekt, woran es den Bewohnern mangelt.

Unterstützung hat das Wohnprojekt in Eibelshausen jetzt von der in Würgendorf beheimateten Firma Dynamit Nobel Defence erhalten. Personalleiterin Anja Neuhaus überbrachte dieser Tage einen Scheck über 5000 Euro. Im vergangenen Jahr hatte das Burbacher Unternehmen die Schulsozialarbeit an der Holderbergschule auf diese Weise unterstützt.

Daraus ist eine Kooperations-Partnerschaft geworden, die jungen, noch orientierungslosen Menschen eine mögliche Perspektive bieten will. „Wir wollen damit die Auswahlmöglichkeit auf dem Weg in ein Berufsleben erhöhen“, erklärt Neuhaus.

Werksbesichtigungen oder ein Praktikum sind als erste Schritte für ein Zusammenkommen angedacht. „Wenn sich der eine oder andere Auszubildende daraus entwickelt, wäre das gut“, sagt die Personalleiterin, die sich durchaus bewusst ist, dass auch dies kein ganz leichtes Unterfangen sein wird.

„Das sind zum Teil Menschen mit ausgeprägten Ängsten“, erklärt Karin Ziegler und verdeutlicht dies noch: „Die bekommen etwa Panikattacken, weil sie sich selbst so unter Druck setzen. Wenn es dann mal Kritik gibt, was ja ganz normal ist, kommen sie damit nicht klar“. Da braucht es Zeit und Geduld, das nötige Selbstvertrauen aufzubauen.

Und nicht zuletzt eine professionelle Ausbildung, wie die Verantwortlichen des Vereins selbst in teilweise leidvoller Erfahrung feststellen mussten. Der Ansatz, die Betreuung des Wohnprojekts auf ehrenamtlicher Basis zu leisten, erwies sich nämlich als unpraktikabel.

„In dieser Arbeit sind auch persönliche Verletzungen möglich“, umschreibt Dietmar Weber die besondere Schwierigkeit. Das koste nicht nur für das Personal viel Nerven, auch die jungen Leute brauchten dauerhaft verlässliche Hilfe, was ehrenamtlich gar nicht zu leisten sei.

Der Erfolg der Bemühungen ist nicht immer gewiss. „Wir sind auch schon total gescheitert“, berichtet Weber über Vorfälle, bei denen etwa Mobiliar zu Bruch ging. „Da mussten wir schließlich massiv eingreifen“, erklärt er. Auf der anderen Seite fanden auch Bewohnerinnen in der Baumgartenstraße eine vorübergehende Unterkunft, die später studiert haben.

„Der Bedarf für diese Unterstützung ist groß“, sagt Karin Ziegler. Deshalb sucht der Verein auch nach weiteren Wohnmöglichkeiten in Eschenburg und Umgebung, die nicht so viel kosten.

Die vier Plätze im ehemaligen Priesterwohnhaus in Eibelshausen sind nämlich immer belegt. Darüber freut sich der Verein einerseits, weil sich das so auch für die Katholische Kirche als Vermieter rechnet. Mit der ist nämlich vereinbart worden, dass die Miete nur gezahlt werden muss, wenn die Zimmer und Apartments auch bewohnt werden. „Das ist top, das würde sonst kein Vermieter machen“, freut sich Weber.

Andererseits fehlt so aber häufig zusätzlicher günstiger Wohnraum für junge Leute, die aus unterschiedlichen Gründen nicht die traditionelle Unterstützung durch ihre Familien bekommen.